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Wir danken Herrn Walther Fasold für diesen anschaulichen Bericht, den er im Jahre 2002 im Alter von 93 Jahren bei bester Gesundheit und beneidenswert kräftiger Verfassung auf seiner alten Schreibmaschine niedergeschrieben hat.

Seitzenhahn Herr Fasold und seine Frau. . 

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   Herr Fasold und seine Frau.

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Seitzenhahn und seine ehemalige Schule.

Seitzenhahn — das stille kleine nassausche Dörfchen unterhalb der „Hohen Wurzel“ gehörte von 1806 bis 1866 zum Herzogtum Nassau (Herzog Adolf, Sitz Wiesbadener Schloß  - Heute Landtagsgebäude).  Bis zu Beginn des 2.Weltkrieges (1939) zählte Seitzenhahn ca.70 Wohngebäude und rund 300 Einwohner, die alle kleine Landwirte waren, im Sommer ihre kargen Felder bebauten, im Winter im Staatswald Chausseehaus in den Holzwald gingen, die paar Bauern die Pferde hatten zogen die Stämme aus dem Wald an einen möglichen Abfuhrweg. 1866 annektierten die Preußen kurzerhand das Ländchen Nassau und es hieß fortan ,,Preußische Provinz Hessen Nassau“. Die alten Wiesbadener bezeichneten sich demgemäß als „Mußpreußen“, so auch das ganze Ländchen Nassau.  

Nun zur Schule. Die paar Kinder gingen alle in die einklassige Volksschule, damals in einer alten Wohnstube eines alten Hauses in der heutigen Eltviller-Str. - in die „ Alt-Schul’“. In der Erntezeit kam es nicht selten vor, daß die Schulstunden ausfielen, weil auch die Kinder in der Ernte ihren Eltern helfen mußten.

Die Bürgermeister-Dynastie war immer die Familie Krieger, jahrzehntelang. Ausgenommen waren die Jahre 1924 - 1930. In diesen Jahren „regierte“ Bürgermeister Jakob Hamm, der aus Essenheim bei Mainz stammte und sich nach Seitzenhahn (in die Familie Becht) verheiratete und von 1968 - 1972 Willi Kugelstadt.  Hamm war sehr rührig. 1929 u.1930 wurde unter seiner Regie die neue Schule am so genannten Mainzerweg erbaut (heute Brunnenstr.). 1930 war Einweihung. Die „ Alt Schul“ wurde aufgegeben, fortan gingen die Kinder nun in die neue Schule. Das Gebäude wurde hauptsächlich aus einheimischen Bruchsteinen erbaut. Im Unterstock wurden zwei Wannenbäder, zwei Brausebäder und ein Planschbecken mit Beregnung errichtet. Fortan konnte jeden Samstag bis spät abends gebadet werden - und die Seitzenhahner (damals hatte ja niemand ein eigenes Bad) machten von dem kostenlosen Service der Gemeinde auch sehr regen Gebrauch. Bis spät am Samstag der letzte Mann das Bad verließ und die Familie Fasold das Bad wieder putzte und alles in Ordnung brachte wurde es oftmals Mitternacht. Aber alle waren zufrieden und das war uns Dank genug. - Im Oberstock war der große Unterrichtsraum. Eine kleine Ecke diente der nicht allzu reichhaltigen Bibliothek, die als sie reichhaltiger wurde, ins Feuerwehrgerätehaus ausgelagert wurde. Als Anbau an der Schule (auf den Schulhof) waren 2 Toiletten (für Buben und Mädchen) und ein Kokskeller. 

ehemalige  Seitzenhahner Schule 1930.
ehemalige  Seitzenhahner Schule 1930
Schulhofseite

          (erbaut 1929/30, abgerissen 1972)

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ehemalige  Seitzenhahner Schule 1970.
Treppe und Haupteingang
Straßenseite

1970

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ehemalige  Seitzenhahner Schule 1930Frontseite:
Straßenseite

1970

Verkehrsschild: 
Durchfahrt und Drehen für Autos verboten.

Plakette an der Frontseite der ehemaligen Schule u. Volksbad der Gemeinde Seitzenhahn.

Plakette an der Frontseite:
Schule u. Volksbad der Gemeinde Seitzenhahn
und das ehemalige Seitzenhahner Wappen mit dem Gockel mit Hut auf einem weißen Ei stehend.

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Der Familie Walther u. Else Fasold oblag die Reinigung der Schule. Sie wurde jeden Tag gekehrt, samstags naß aufgewaschen, die Heizung wurde ebenfalls von Fasolds bedient. Schon morgens 5 Uhr wurde angeheizt, damit bis 8 Uhr der Unterrichtsraum warm war. Samstags - während der Badezeit mußte fleißig gefeuert werden, damit immer lfd. genug heißes Wasser da war. Bei Schneefall mußten Fasolds die Eingangsstufen und den Fußweg zur Schule räumen. An der Schule war der große Schulhof, den 5 gewaltige Linden zierten. Unterhalb des Schulhof‘s befand sich das Lehrerwohnhaus, das dem jeweiligen Lehrer kostenlos zur Verfügung stand. - Der erste Lehrer nach 1930 bzw. ab 1930 war der sehr beliebte Lehrer Perlemann, der nicht nur die Kinder erzog, zu dem auch die Bürger kommen konnten. Perlemann war immer für einen Rat gut. - Oberhalb der Schule befand sich der Schulgarten. Hier lernten die Kinder mit Spaten und Hacke umzugehen und lernten auch das Pflanzensetzen, Gießen und Pflegen, usw. Für das Säubern der Schule, Unterhaltung der Heizung und des Bades erhielten die Fasolds - die der Schule gegenüber wohnten, - 60.- DM jährlich.  

Mit dem Ende des 2.Weltkriegs mußte auch Seitzenhahn zahlreiche Flüchtlinge und Heimatvertriebene aufnehmen. Dem Bürgermeister (Altbürgermeister August Krieger) oblag es, alle zugewiesenen, meist Sudetenländer und Ungarn, bei den Einheimischen unterzubringen. Sicherlich keine so leichte Sache. Die Leutchen hatten nichts außer Koffer oder Rucksack. Wollten aber Essen u. Trinken und eine Schlafstätte haben. Mit Ach u. Krach wurden alle untergebracht. Heute sind sie alle integriert, hier verheiratet, fast alle haben eigene Häuser und gehören nun halt dazu. Natürlich brachten diese Menschen auch zahlreiche Kinder mit. Sie alle wurden in unsere einklassige Volksschule übernommen. Und der Schulbetrieb klappte auch.

In den Jahren 1968/70 forcierte man die so genannte Gebietsreform. Aus 10 Untertaunusgemeinden wurde 1971 eine Stadt gegründet. Nach mehreren Namensvorschlägen einigte man sich auf den Namen „Taunusstein“. (Die 10 Orte sind: Bleidenstadt ,Hahn, Wehen, Neuhof, Niederlibbach, Hambach, Watzhahn, Wingsbach, Orlen und Seitzenhahn).

Der Schulbetrieb wurde umgestellt. Die Seitzenhahner Schule verwaiste, die Kinder wurden per Schulbus abgeholt und gingen fortan in die Gesamtschule Bleidenstadt. Die letzten Lehrer in Seitzenhahn waren Lehrer Ullius und der Lehrer Willi Altheim. 

Seitzenhahn alle Klassen 1950

Seitzenhahn alle Klassen 1958

Seitzenhahn Einschulung 1961   Seitzenhahn Lehrer Willi Altheim 1961

  Seitzenhahn Einschulung 1963   Seitzenhahn Einschulung 1967

Die Seitzenhahner Gemeindevertretung bot die Schule, samt Schulgelände und Schulübungsgarten zum Verkauf an. Das Lehrerwohnhaus wurde verkauft an eine Familie Schymetzko. Schule und Schulgelände wurden an einen Herrn Hetterich vergeben, der zusagte die Schule insofern zu erhalten indem er sie als Schwimmbad umbauen lassen wollte, was allerdings nie geschehen ist. Nach Ablauf von 2  Jahren (wg. Spekulationssteuer) verkaufte Herr Hetterich das gesamte Gelände an seinen Schwager Bauunternehmer Müller, der sämtliche alten Linden fällte und auf dem ehem. Schulgelände 5 gleiche Flachdachhäuser errichten ließ, die alle schnell verkauft waren.

Anmerkung: Die Schülerfotos wurden freundlicherweise von ehemaligen Schülern zur Verfügung gestellt.


1954/55 wurden in der damaligen DDR Schulen angewiesen Kontakt mit Schulen in der Bundesrepublik aufzunehmen. Der Ort Mehrow (Vorort von Berlin) hat sich dafür Seitzenhahn ausgewählt und versucht einen Briefwechsel zu eröffnen, der jedoch nicht beantwortet wurde, weil befürchtet wurde, daß die DDR-Behörden alles mitlesen und Informationen mißbrauchen. Der Inhalt des Briefes aus Mehrow ist zur Zeit noch unbekannt.


Im Januar 2004 ist Herr Gerhard Bischoff aus Niefern auf diese Internetseite gestoßen und hat sich erinnert, daß sein Großvater Wilhelm Schmidt von 1.April 1907 bis 28.Februar 1913 Volksschullehrer in Seitzenhahn war.
Herr Bischoff hat uns freundlicherweise ein Foto, einen Lebenslauf und Originalurkunden der Ausbildung, Bestallung und der Dienstbezüge seines Großvaters übergeben. Wofür wir Herrn Bischoff an dieser Stelle sehr herzlich danken.
Die Unterlagen und Originale wurden anschließend dem Chronikarchiv der Stadt Taunusstein zur dauerhaften und sicheren Aufbewahrung übergeben.

Helmut Schmidt, Lehrer in Seitzenhahn von 1907 bis 1913.

 

 

Wilhelm Schmidt
* 18.8.1883        + 11.8.1970

 

Volksschullehrer in Seitzenhahn

von 1.April 1907 bis 28.Februar 1913

 

Wilhelm Schmidt wurde am 18.August 1883 in Kröffelbach (heute Ortsteil von Waldsolms (Lahn-Dill-Kreis)) als zweiter Sohn einer Bauernfamilie geboren. Da der ältere Bruder den Hof übernehmen sollte, wurde Wilhelm Schmidt nach Beendigung der Schule zur weiteren Ausbildung an das "Schullehrer-Seminar zu Frankenberg" geschickt.

Die Ausbildung eines Volksschulabsolventen zum Volksschullehrer dauerte sechs Jahre,  so dass Wilhelm Schmidt im Alter von 21 Jahren 1904 seine Prüfungen ablegen konnte.

Zwar wurde ihm hiernach "die Befähigung zur einstweiligen Verwaltung einer Lehrerstelle" zuerkannt, doch wurde zugleich die Anstellung vom Ableisten des "aktiven Militärdienstes" abhängig gemacht.

Nach der Militärzeit erhielt er zum 1.Oktober 1905 seine erste Lehrstelle in Laisa (heute Ortsteil von Battenberg (Eder));  der Lehrerwechsel innerhalb eines Schuljahres könnte andeuten, daß es nur eine Stelle als Vertretung war.

Dem Schreiben der "Königlichen Regierung - Abteilung für Kirchen=  und Schulwesen" entnehmen wir, daß Herrn Schmidt "zum 1.April 1907 einstweilig die Schulstelle an der Volksschule zu Seitzenhahn Kreis Untertaunus unter dem Vorbehalt jederzeitigen Widerrufs übertragen wird".

Zum 1.Juli 1908, nach Ablegen der zweiten Lehrerprüfung, wurde der vorläufig Angestellte endgültig zum Lehrer ernannt. Wilhelm Schmidt arbeitete an der Volksschule Seitzenhahn bis zum Frühjahr 1913.

In die Zeit seiner Tätigkeit in Seitzenhahn fällt auch seine Heirat im Jahre 1909 und die Geburt seiner beiden Töchter .

Seine weitere Lehrtätigkeit erfolgte in Wiesbaden, wo in seinem Hause bekannte Persönlichkeiten wie Rudolf Dietz ein- und ausgingen, dessen Werke komplett in der Bibliothek nicht nur vorhanden waren, sondern von seiner Frau auch vorgelesen wurden, wurde unterbrochen von der Kriegszeit, während der er vorwiegend auf dem Balkan eingesetzt war. Auch der zweite Weltkrieg forderte von ihm Opfer, so wurde ihm zum Beispiel zwangsweise sein Haus in Wiesbaden entzogen und selbst viele Jahre nach dem Krieg, er war inzwischen längst im Ruhestand, wurde es noch immer von amerikanischem Militär bewohnt.

Nach dem Tode seiner Frau zog er zu der Tochter, die mit ihrer Familie in Pforzheim wohnte. Hier starb er am 11.8.1970.

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