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Unser Landstrich hat zu allen Zeiten vertriebenen Menschen eine neue Heimat gegeben. Die Gründe und Wege dieser Menschen zu uns sind sehr vielfältig. Der folgende kleine Bericht von Frau Brigitte Haubold  ist nur ein Beispiel von vielen.

Wir danken Frau Haubold für diesen anschaulichen Bericht, den Sie im Jahre 2002 für uns freundlicherweise niedergeschrieben hat.

 

 Der Weg nach Seitzenhahn "Flüchtlings-Schicksal"

- ein neues Zuhause gefunden.
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1945  Wir wohnten in einem kleinen Ort Bobertal in der Mark Brandenburg. Ich war 6 Jahre alt - wurde bald 7, mein Bruder 15. Wo unser Vater als Soldat war wussten wir nicht. Wir haben uns große Sorgen um ihn gemacht.

Die russische Rote Armee rückte immer näher, so daß sich unsere Mutti entschloß mit uns zu Fuß nach Berlin zu laufen, um Verwandte zu besuchen wie sie sagte. Ich vermute heute, daß Sie mit ihren Kindern den Schutz der Großstadt und vielleicht eine Möglichkeit weiter nach Westen zu kommen gesucht hat. Es kam jedoch alles ganz anders. Wir kamen in einen schrecklichen Fliegerangriff. Diesen haben wir in einer Kirche überlebt. Was danach kam hat mein Kopf nicht gespeichert und habe ich auch nicht überblickt. Die Stadt lag in Trümmern, es herrschte totales Chaos, nichts funktionierte mehr, die Stadt war überfüllt mit Menschen, Flüchtlingen, Ausgebombten, Verletzten und Militär. Die Not war groß. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Es war zuviel.

Inzwischen ist die russische Front über uns hinweggerollt und wir lebten noch, aber jetzt im russisch besetzten Berlin. Wie unsere Mutti es geschafft hat uns zu ernähren ist mir ein Rätsel. Im Mai hat sich unsere Mutti entschlossen mit uns wieder in unser Dorf zurück zu laufen. Aber nun kam der Pole und es hieß: alles muss raus! Das ganze Dorf wurde evakuiert. Wir kamen nach Guben. Hier sortierte der Pole. Alles was jung war und arbeiten konnte, behielt sich der Pole als Arbeitskraft. Alle anderen wurden zu Fuß über die Grenze in die Russische Zone geschickt. Meine Mutti behielt mich bei sich, sie hätte mich auch mit den Großeltern mitgeben können. Mein Bruder musste sowieso dableiben, denn er ist 8 Jahre älter als ich. Er flüchtete ein paar Wochen später, indem er durch die Neisse schwamm. Dann suchte er die Großeltern, die er schließlich in Lübben im Spreewald fand.

Wir, die von den Polen zurück behalten wurden, haben 1 1/2 Jahre bei den Polen arbeiten müssen. Auf einem Gutshof- es war nicht schön. Der polnische Gutsverwalter war ein Grobian der mit der Peitsche nach allem, auch Menschen und Vögeln, schlug.  1947 durften uns die Polen nicht länger festhalten. Wir konnten endlich raus und sind dann über Guben in den Spreewald gekommen. Hier lebten die Großeltern und viele aus unserem Dorf in einem Barackenlager.

Unser Vater lag in einem Lazarett in Bayern, im amerikanisch besetzten Teil, und wusste überhaupt nichts von uns. Er sollte entlassen werden, aber wohin? Nach Hause! Dieses Zuhause gab es nicht mehr. Ein Bettnachbar gab ihm die Adresse seiner Frau in Bayern. Nach vielem herumfragen erfuhr er dann über das Rote Kreuz, daß wir uns in Lübben im Spreewald befanden. Auf der Suche nach Arbeit landete er schließlich über viele Stationen in Mainz und danach in Seitzenhahn, weil es hier Arbeit auf einem Bauernhof gab.

Nach vielen Hindernissen durch mehrere Lager und viele Stationen kam ich mit meiner Mutter und meinem Bruder aus der Russischen Zone heraus und ebenfalls nach Seitzenhahn. Unser Vater, von dem wir so lange getrennt waren, fuhr uns voll Ungeduld und Sehnsucht entgegen. Aber er konnte uns nicht ausfindig machen. Dies war in den Sommerferien 1947. Unser erstes neues Zuhause war das Zimmer in Seitzenhahn in dem mein Vater wohnte, aber jetzt für 4 Personen. Danach zogen wir ins alte Lehrerhaus und später in die Brunnenstrasse noch etwas höher den Berg hinauf. Nur ein Steinwurf entfernt von der damals noch existierenden einklassigen Schule, die ich als Kind mit Freude besuchte.

Meine Eltern hatten irgendwie in Seitzenhahn schon eine neue Heimat gefunden. So kauften sie 1961 von der Gemeinde ein Grundstück Im Biengarten und es wurde gemeinsam ein Haus gebaut - für uns das schönste auf dieser Welt - wir hatten wieder eine neue Heimat !!!

Dafür bin ich der Gemeinde Seitzenhahn dankbar.


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