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Unser Landstrich im Spiegel der Geschichte.

Wir dürfen annehmen, daß das Taunusgebiet etwa zur Zeit der Völkerwanderung besiedelt wurde. Der römische Pfahlgraben (Limes) und der Altenstein bei Hahn, als Fluchtpunkt und vielleicht auch Kultstätte, ragen aus dieser Zeit hervor bis in unsere Erinnerung.

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts - das Christentum hatte inzwischen auch in den germanischen Gebieten nördlich der Alpen Fuß gefaßt und Mainz war unter Lullus (754-786) Erzbistum geworden -, wurde im Taunus das Kloster Bleidenstadt gegründet. Benediktiner-Mönche betreuten das neue Kloster, dem die Reliquien des heiligen Ferrutius - eines römischen Legionärs - anvertraut und die um 768 / 786 nach Bleidenstadt überführt wurden.

Bleidenstadt wurde in der Folge geistlicher Kristallisationspunkt an der Aar. Das Klostergebiet umfaßte etwa um die Jahrtausendwende 17 Dörfer.

Die Klöster mit ihren waffenlosen Mönchen hatten in den rechtlich unsicheren Jahrhunderten dieser Zeit selbst nicht die Machtmittel, Übergriffe auf das kirchliche Gebiet abzuwehren. Sie bestellten deshalb zu ihrem Schutz ,,Vögte“, denen gewisse Rechte und Einnahmen zugesichert wurden und die dafür die Verpflichtung übernahmen, den Klosterbesitz gegen Übergriffe zu schützen. Diese Schutzfunktion war naturgemäß umso wirkungsvoller, je höher gestellt und einflußreicher der Vogt war.

Im Laufe der Zeit wurden bestimmte Vogteien in den gräflichen oder fürstlichen Häusern erblich. Verbunden mit Entartung und Niedergang der Klöster bedeutete dies, daß die Vögte ihren Einfluß auf Rechtspflege und Verwaltung immer mehr ausdehnen konnten. Diese Entwicklung hat Bleidenstadt ebenfalls erlebt. Etwa um die Mitte des 12. Jahrhunderts gelangte die Bleidenstadter Schutzvogtei über die Grafen von Idstein an die gräfliche Familie von Nassau.

Das Dorf Wehen wurde Sitz der Bleidenstadter Vögte. Am 23. Juni 1323 hat Kaiser Ludwig der Bayer Wehen das Stadtrecht zuerkannt und etwa um das Jahr 1330 wurden Stadtmauer, Türme und das Schloß erbaut.

Nach der Nassauischen Erbteilung von 1346 fiel Weilburg mit der Vogtei Bleidenstadt und der jungen Stadt Wehen an Graf Johann I. von Nassau, der die Verwaltung der um Wehen gelegenen gräflichen Ländereien (Wehener Grund) und das Gericht nach Wehen verlegt. 1364 folgt das bisherige Bleidenstadter Gericht ebenfalls nach Wehen, nachdem 1350 Wehen als Bleidenstadter Filial ein eigenes Gotteshaus und einen Friedhof erhalten hatte. 

Im Mai 1389 wird durch Feuer ein großer Teil der Klostergebäude in Bleidenstadt vernichtet. Die niedergebrannten Teile werden unter Abt Koete wiederaufgebaut und die übrigen Baulichkeiten renoviert. Das Kloster erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung, der allerdings von einem Zerfall der benediktinischen Ordenszucht begleitet wurde. Dies wurde noch gefördert durch den Umstand, daß das Kloster immer mehr zur Versorgungsanstalt nachgeborener Söhne des Adels geworden war, deren Sinn nicht nach einem Leben in Entsagung stand.

Am 13. Januar 1495 hat Papst Alexander VI. (Borgia) auf Antrag des Mainzer Erzbischofs Berthold von Henneberg das Kloster Bleidenstadt umgewandelt in ein geistliches Ritterstift mit Propstei vier Prälaturen, acht Kanonikaten und zehn Vikarien. Der Rivalität zwischen dem Kloster bzw. jetzt Stift und dem Hause Nassau über Gerechtsame, Macht und Einfluß hat diese Umwandlung nur Vorschub geleistet. 1530 wurde das Dort Bleidenstadt bis auf die dem Stift verpflichteten Familien evangelisch. 1536 folgte darin die Bevölkerung von Wehen. In Bleidenstadt verblieb die im Stift belegene Kirche dem katholischen Gottesdienst, während die vor dem Dorfe auf der Anhöhe stehende St. Peters Kapelle dem evangelischen Gottesdienst gewidmet wurde. Es mutet für die heutige Rechtsanschauung kurios an, daß das Recht zur Besetzung der nunmehr evangelisch gewordenen Bleidenstadter St. Peters Pfarrei bis 1705 noch dem katholischen Stift zustand und erst dann auf das Haus Nassau überging.

Die erst 1495 geschaffene Propstei in Bleidenstadt wird infolge der Reformation bereits 1538 wieder aufgehoben. Vorsteher des Stiftes ist nunmehr ein Dechant.

1535 wurde die Wehener Kirche von Bleidenstadt unabhängige Pfarrei.

Graf Albrecht von Nassau-Weilburg hatte Wehen mit allen Einkünften, Gefällen, Renten und Zinsen zum ,,Wittum“ für seine Frau bestimmt. Nach dem 1593 erfolgten Tode des Grafen hat Gräfin Anna ihren Wohnsitz demgemäß im Wehener Schloß aufgeschlagen. Der Initiative der Gräfin ist die 1599 erfolgte Gründung der ersten Schule in Wehen zu verdanken. Die finanzielle Lage des gräflichen Hauses war beengt, so daß es erst 1596 möglich war, der Gräfin-Witwe das Schloß in Wehen in einen repräsentablen Zustand versetzen zu lassen. Im selben Jahr suchte die Pest den Taunus heim, vor der auch die gräfliche Familie nicht verschont wurde.

Der Wehener Grund wurde 1602 erneut Witwensitz, und zwar für die Gräfin Elisabeth von Nassau-Weilburg. Aber bereits 1604 wird ein Großteil Wehens ein Raub der Flammen. 1611 kann man darangehen, das Schloß wieder zu renovieren. Auch 1630 sind wieder größere Reparaturen erforderlich, denn 1618 war der Dreißigjährige Krieg ausgebrochen, der auch im Wehen-Bleidenstadter Gebiet seine Spuren hinterließ. Die Drangsale der Bevölkerung nahmen derart zu, daß Gräfin Elisabeth 1634 Wehen verläßt und sich nach Butzbach begibt, wo sie sich in größerer Sicherheit weiß. Die Bleidenstadter Stiftsgeistlichen hatten sich bereits 1631 nach Mainz geflüchtet.

Pfarrer Plebanus von Wehen mußte sich am 26. Februar 1637 in der Nacht von Wehen nach Holzhausen und weiter auf die Burg Hohenstein flüchten um sich ,,zu salvieren vor plündernden Horden“.

Er hat der Nachwelt auch festgehalten, daß das Dorf Bleidenstadt 1637 bis auf die Grundmauern abbrennt. Die Stiftskirche scheint glimpflich davongekommen zu sein, denn 1642 kann Philipp von Reichenberg die Reliquien des hl. Ferrutius von Bleidenstadt nach Mainz in Sicherheit bringen (wo sie aber später verschollen sind).

Der Friede von Münster und Osnabrück beschert dem ausgeplünderten und geschundenen Lande 1648 die ersehnte Ruhe. Gräfin Elisabeth kehrt 1650 in das verwüstete Wehen zurück, wo sie 1655 das Zeitliche segnet.

Im Gegensatz zur Gräfin sind die nach Mainz retirierten Stiftsherren nach Bleidenstadt nicht mehr zurückgekehrt. Etwa 1673 dürfte aber die Bleidenstadter Stiftskirche wieder soweit hergestellt sein, daß regelmäßige Gottesdienste in ihr gehalten werden konnten. 1696 schenkt Peter HaIm der Kirche den heute noch vorhandenen Taufstein.

Wehen erlebt 1676 ein neues und dunkles Kapitel seiner Geschichte mit dem Beginn der Hexenprozesse gegen Wehener Bürger in Idstein. Die Wehener Kirche kann 1691 renoviert werden.  

Das in Mainz residierende Bleidenstadter Stift verliert 1705 endgültig seine Landeshoheit bis auf das eigentliche Klostergebiet und das halbe Dorf Bleidenstadt an das Haus Nassau.

Am 16. August 1712 wird die (heutige) katholische Pfarrkirche konsekriert. Seitdem feiert die Gemeinde an jedem 2. Sonntag im August ihr Kirchweihfest, während das Patronatsfest des hl. Ferrutius an jedem 14. November begangen wird.

Die Linie Nassau-Idstein des weit verzweigten gräflichen Hauses stirbt 1721 aus. Das Wehener Gebiet fällt zur gemeinsamen Verwaltung an Nassau-Ottweiler und Nassau-Saarbrücken.

Ab 1723 bis 1728 dann alleinige Regierung durch Nassau-Ottweiler. In diesem Jahr stirbt auch diese Linie des Hauses Nassau aus. Der Wehener Grund fällt an Nassau-Usingen.

Wehen mit dem alten Schloß diente nur noch zur Zeit der Hirschjagd dem Fürsten und seinem Gefolge als Aufenthaltsort. Im Winter 1792/93 sah es Friedrich Wilhelm II. von Preußen und den preußischen Kronprinzen (den nachmaligen Friedrich Wilhelm III.) in seinen Mauern, die im Feldzug gegen die französischen Revolutionsarmeen hier ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatten.

Nach 1775 nehmen die Grafen die Fürstenwürde an und Friedrich August von Nassau-Usingen (1803-1816) nennt sich (von Napoleons Gnaden) ,,Herzog von Nassau“.

Der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 kostet das Kloster Bleidenstadt den Rest seiner Herrlichkeit. Es teilt das Schicksal von mehr als 200 deutschen Klöstern und Stiften, die in den staatlichen Gebieten aufgehen. Das Haus Nassau hatte in dem jahrhundertelangen Tauziehen zwischen geistlicher und weltlicher Macht endgültig obsiegt.

Die alte Wehener Kirche, die in ihren Anfängen auf einen vor 1359 erstellten Kapellenbau zurückging und die in den Jahrhunderten erweitert und umgestaltet worden war, hatte die letzte große Reparatur 1768 - 69 erlebt. 1809 mußte der Bau wegen drohender Einsturzgefahr geschlossen werden. Der herzogliche Baudirektor Götz hat den Plan der neuen (jetzigen) ev. Kirche entworfen.

Der in Aussicht genommene Bauplatz war herzogliches Eigentum. Bürgermeister, Pfarrer und die Kirchensenioren (Kirchenvorstand) unternahmen einen Bittgang zu dem auf dem Jagdschloß Platte weilenden Herzog Friedrich August, der nicht nur das benötigte Gelände herschenkte, sondern auch noch eine Kirchenbaukollekte für die Wehener Kirche in ganz Nassau bewilligte. Außerdem gab die Landesherrschaft 5.000 Gulden zu den auf 10.000 Gulden geschätzten Gesamtbaukosten als Hypothek. Als ,,Steinbruch“ für das Werk benutzte man die Reste der alten Stadtmauer und den Obertorturm, der bei dieser Gelegenheit abgetragen wurde. Der Grundstein konnte am Reformationsfest 1810 gelegt werden, im Oktober 1812 wurde die Kirche ihrer Bestimmung übergeben. Die vier Sandsteinsäulen am Eingang stammen aus dem Kloster Marienhausen, die Kanzel aus dem Kloster Eberbach.

Herzog Friedrich August war als Rheinbund­Fürst gezwungen, Napoleon militärisch zu unterstützen. Nassauische Truppen waren aus diesem Grunde von 1808 bis 1813 an den Kämpfen in Spanien beteiligt.

Am 29. und 30. Oktober 1813 flüchteten die Reste von Napoleons ,,Großer Armee“ durch die Taunusorte und am 4. November desselben Jahres sah die Bevölkerung die ersten Kosacken der gegen Napoleon verbündeten Armeen. Wenige Tage später, am 13. November 1813 bezog General Yorck von Wartenburg das Wehener Schloß als Quartier.

1815 hielten die Nassauischen Truppen Wellingtons Zentrum in der Schlacht von Waterloo (BeIle­Alliance) bis zum Eintreffen Blüchers mit dem preußischen Heer und haben so Schlacht und Feldzug mit entschieden.

Im gleichen Jahr hat die herzogliche Regierung das Land neu organisiert. Der aus Wehen gebürtige Regierungspräsident Carl von Ibell hat sich mit dieser Organisation ein Denkmal geschaffen. Wehen wurde Sitz einer Amtsverwaltung und Gerichtsbezirk. Das Amt Wehen erstreckte sich von Rückershausen, Michelbach, Kettenbach über Panrod - Beuerbach - Kesselbach bis nach Wehen und umfaßte 35 Orte.

Die katholische Pfarrei wurde in Bleidenstadt 1817 wieder errichtet und umfaßte immer noch 13 Orte. Die aus dem Jahr 1309 stammende und der Maria geweihte große sowie die kleinste Glocke mit der Datierung 1411 und dem Bilde einer Kreuzigungsgruppe sind heute Bestandteil des nach dem II. Welt­krieg um zwei weitere Glocken ergänzten Geläutes in den Tönen a-c-d-e, die der Anfangsmelodie des eucharistischen Hochgebetes entsprechen.

Die ev. Peters-Kirche in Bleidenstadt, die den Dreißigjährigen Krieg überstanden hatte, war im Laufe der Jahrhunderte baufällig geworden und mußte 1835 geschlossen werden. 1849 wurde das Kirchenschiff abgerissen und 1854/55 durch einen schlichten Neubau ersetzt, der alte Turm blieb erhalten.

Herzog Adolf von Nassau beteiligte sich 1866 mit seinem Land auf Österreichs Seite an der innerdeutschen Auseinandersetzung. Nassau fiel als Provinz an Preußen. Infolge der preußischen Neuorganisation entstand 1867 der Untertaunuskreis aus den ehemals herzoglichen Ämtern Idstein, Wehen und Langenschwalbach. Rund 100 Jahre später, am 1.Oktober 1971 geben auch die Kernorte des alten Wehener Grundes ihre Selbständigkeit auf und schließen sich zusammen zur Stadt Taunusstein, die nunmehr in die Zukunft trägt, was einmal die Vergangenheit der jungen Stadt geprägt hat: die Geschichte des ehrwürdigen benediktinischen Klosters und des alten gräflichen Verwaltungssitzes.

Verfasser:

Hans-Günter Vogelsang (1977)

Quellen:

May, Dr. Karl Hermann  
   ,,Der Bad Schwalbacher Raum und seine Kirchen“ 1964 
   ,,650 Jahre Stadtrechte Wehen“ 1973 

Schmallenbach, Heinrich  
   ,,Die katholische Kirchengemeinde“ 1971 

Vogelsang, Hans-Günter  
   ,,Die Pfarrer von Hohenstein“ 1975  

Wilhelmi, Dr. Eduard 
   "Wehen und sein Grund“ 1957


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